STORY: Dr. Jekyll und Mr. Hyde?

Theo, du glaubst es nicht, aber ich habe die ganze Nacht vor Angst kein Auge zugemacht und ich zittere auch jetzt noch, während ich dir dieses blogge, am ganzen Fell! Jaja, ich weiß, dass ich manchmal dazu neige, mich in etwas hineinzusteigern – was aber auch verständlich ist, wenn man den halben Tag auf der Hundedecke liegt und somit viel Zeit fürs Nachdenken, Abwägen und Hinterfragen hat. Um es kurz zu machen: Es ist nicht auszuschließen, dass ich unsere Hütte mit einem eiskalten Mörder teile!

Wie ich darauf komme, möchtest du wissen? Also gut. Es war gestern nach dem Abendessen. Der Alte und Frauchen saßen noch am Tisch und unterhielten sich über dies und das. Ich selbst habe nicht weiter auf das Gespräch geachtet, sondern vergnügte mich damit, den Küchenboden nach heruntergefallenen Brotkrümeln abzusuchen, um diese genüsslich und auf Sauberkeit bedacht aufzuschlecken. Plötzlich erhob sich der Alte von seinem Platz, machte eine weit ausholende Handbewegung und sagte dabei abschließend zu Frauchen: “Genau da liegt der Hund begraben!”.

Du kannst dir sicher vorstellen, welche Gedanken mir in diesem Moment durch meine drei Synapsen schossen! Hat es in dieser Hütte einen Vorgänger von mir gegeben? Dies wurde bisher vehement bestritten. Es hieß, erst durch mich sei man auf den Hund gekommen, aber die Worte des Alten ließen jetzt erste Zweifel in mir aufkeimen. Und wenn hier schon einmal eine Fellnase gelebt hatte, was geschah mit ihr? Ist sie eines natürlichen Todes gestorben oder hat sie sich unbotmäßig verhalten, so dass man etwas nachhalf? Und wer vor allen Dingen war “man”? War es etwa der Alte selbst? Das würde unser Vertrauensverhältnis natürlich sehr belasten. Schon heute morgen ertappte ich mich dabei, dass ich ungewollt zurückzuckte, als er mir über die Kehle streichelte.  Unabhängig davon stellt sich mir als nächste Frage: Wo genau liegt der Hund begraben? Die Handbewegung des Alten ließ keine konkreten Rückschlüsse zu. Es kam unsere Doppelhüttenhälfte ebenso in Frage wie der für großstädtische Verhältnisse recht weitläufige Garten. Bisher habe ich den hin und wieder auftretenden süßlichen Geruch meinen dort von mir vergrabenen Knochen zugeschrieben. Aber auch dies erscheint für mich nun in einem neuen Licht. Ebenso wie die Tatsache, dass ich mir bei manchen Knochen, die ich von Zeit zu Zeit wieder ausbuddelte, nicht sicher war, ob sie wirklich von mir vergraben worden waren.

Du merkst, Theo, es gibt viele Fragen, aber keine Antworten – und eigentlich kann ich mir auch gar nicht vorstellen, dass der Alte dahinter stecken soll. Oder gibt es zwei Gesichter von ihm wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde? Nur eines weiß ich mit Sicherheit: Ich werde mich ab sofort nur noch mit allergrößter Vorsicht durch Hütte und Garten bewegen und niemandem mehr mein Hinterteil zuwenden. Zumindest so lange, wie mich mein katastrophales Kurzzeitgedächtnis daran erinnert.


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