STORY: Ein Hund der Unterschicht

Ich soll ein Unterschichtenhund sein
Ich soll ein Unterschichtenhund sein!?

Theo, du glaubst es nicht, aber mein Leinenhalter ist der Auffassung, dass ich weder ein Hund der Oberschicht noch der Mittelschicht sei. Nein, bei mir handele es sich um einen typischen Vertreter der Unterschicht. Das war für mich erstmal ein Schlag ins Gesicht. Es wird in Deutschland zwar oft vom abgehängten Prekariat gebellt, aber mich selbst dazu zu zählen, hat mir mein andalusischer Stolz bisher verboten. Obwohl meine Kennzeichen schon dafür sprechen: Chronischer Geldmangel, absolute Bildungsferne und mangelnder Aufstiegswille im Rudel zeichnen mich zugegebenermaßen aus. Doch noch bevor ich in eine tiefe Depression verfiel, stellte sich heraus, dass mein Alter dies in einem ganz anderen Sinne gemeint hatte.

Nacho
Eine einzelne Markierung ist leicht zu entziffern

Du weißt, wie gerne ich auf meinen Gassirunden die Markierungen anderer Fellnasen studiere. Dienen diese doch nicht nur dem täglichen Gedankenaustausch, sondern ebenso der freien Meinungsäußerung, dem Liebeswerben, dem Bekanntmachen von Futterplätzen oder einfach nur der Verbreitung von Gerüchten. Nun ist es ja gerade in Großstädten selten so, dass eine Nachricht klar und deutlich zu lesen ist. Die hohe Zahl der hier lebenden Fellnasen hat vielmehr zur Folge, dass die meisten Botschaften innerhalb kürzester Zeit durch neue Markierungen ersetzt bzw. überschrieben werden, so dass die ursprüngliche, zu unterst liegende Nachricht kaum noch zu entziffern ist. Letzteres aber macht für mich den besonderen Reiz aus. Ich nenne jetzt einfach mal ein Beispiel, damit du verstehst, was ich meine:

VerWUmiete meine Hütte – 50 KnoCHen/WochER!

 

Klar, oder? Du liest zuerst die Markierung “WUCHER!” und wunderst dich, was das soll. Kurz nachgespürt und schon erschnupperst du den ursprünglichen Grund: “Vermiete meine Hütte – 50 Knochen/Woche”.

Das war noch relativ einfach. Schwieriger wird es, wenn noch mehr Markierungen übereinander liegen:

ICH Was HAB DEN passierte GROSSEINKAUF dann? AM HALS!

 

Nacho
Schwer zu lesen: übereinanderliegende Markierungen

Auf den ersten Blick eine deutliche Ansage: Da muss sich so eine überdomestizierte Fellnase um den Einkauf eines ganzen Rudels kümmern. Mit etwas intensiverem Schnuppern lässt sich noch die vorausgegangene Frage, was dann passierte, entziffern. Dank meiner zwei intakten Synapsen weiß ich sofort, dass sich unter dieser Frage noch mindestens eine weitere Markierung befinden muss. Also durchsiebe ich mit meinem Riecher die aufsteigenden Moleküle, entferne notfalls durch vorsichtig tastendes Abschlecken die bereits gelesenen Markierungen und stoße so über kurz oder lang auf den Ursprungstext – oft schon etwas verblichen, aber dennoch gut lesbar:

Es begann mit dem Apportieren eines Stöckchens!

 

Nacho
“Los! Such das Stöckchen!” – Denkste!

Du ahnst, wie wertvoll so ein “Fund” für mich ist!? Der Alte kann von mir aus Stöckchen werfen, bis er schwarz wird. Ich werde mich hüten, ihm auch nur eines zurückzubringen. Lass mich doch nicht zum Lastesel machen. Bin Gott sei Dank ein Hund der Unterschicht – und nicht blöd!

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