STORY: In der Ruhe liegt die Kraft

Nacho
Jeder Tag hat seine eigene Plage (Mt. 6.34)

Theo, du glaubst es nicht, aber ich habe so oft Ärger mit meinem Leinenhalter, obwohl ich gar nichts gemacht habe. Überhaupt nichts. Doch genau damit hat der Alte ein Problem. Nach seinen Worten reißt er sich den Hintern auf, um mich am Fressen zu halten, während ich den ganzen Tag auf dem faulen Sommer- bzw. Winterfell läge und den lieben Gott einen guten Hund sein ließe. Dabei ist dem gar nicht so. Absolut nicht. Auch ich reiße mir das Gesäß auf, aber mehr gedanklich. Und auch für mich hat jeder Tag seine eigene Plage (Matthäus 6.34).

Nacho
In der Ruhe liegt die Kraft

Zum Beispiel gestern Nachmittag. Ich lag entspannt auf meiner Hundedecke, dachte dieses und dachte jenes, zählte den Fliegendreck an der Wand und zerbrach mir wieder einmal den Kopf darüber, wie sich die schmalen und sich regelmäßig kreuzenden Streifen zwischen den Bodenfließen nennen, in denen so gerne Brötchenkrümel liegen bleiben (FUGEN!). Zur Unterbrechung meiner schweißtreibenden Denksportaufgabe versuchte ich zwischendurch wieder und wieder, meinen Schwanz exakt parallel zur Kante meiner Hundedecke auszurichten – mit einer ausdauernden Leidenschaft, die mein Leinenhalter schon oft als krankhaft bezeichnete. Das alles mag ja auch für den ein oder anderen nach Müßiggang aussehen, hat aber für mich im Rahmen meiner ausgedehnten Meditationsübungen eine fast schon existenzielle Bedeutung.

Nachos Pfote
Zwar kaum zu sehen, aber wahnsinnig störend!

Bereits in dieser Phase meiner täglichen Selbstfindung spürte ich den kopfschüttelnden Blick meines Leinenhalters im Nacken. Davon genervt erhob ich mich stöhnend und drehte mich demonstrativ gelangweilt einmal im Kreis, als ich plötzlich einen Fleck auf meiner rechten Vorderpfote gewahrte. Er war zugegebenermaßen sehr klein, fast schon winzig zu nennen und genau genommen kaum zu sehen, doch plötzlich störte er mich. Ich legte mich lang hin, zog die Pfote zur Schnauze und begann geräuschvoll zu lecken. Gut zehn Minuten lang fuhr ich mit meiner langen, leicht angefeuchteten Zunge immer wieder über diesen Fleck. Ergebnislos. Der Fleck blieb. Die nächste viertel Stunde versuchte ich es wechselweise mit Abknabbern, Wegsaugen und Schütteln der Pfote. Nichts. Der Fleck begann, mich wahnsinnig zu machen. Ich sprang auf, drehte mich mehrmals um meine eigene Achse, schnappte dabei nach meiner eigenen Pfote, als könnte ich den Fleck fangen, bis – Ja, bis sich mein fehlendes Langzeitgedächtnis bemerkbar machte. Fleck? Was für’n Fleck? War da was?

Ich legte mich ganz ruhig und entspannt auf meine Hundedecke, dachte dieses und dachte jenes, zählte den Fliegendreck an der Wand und bemühte mich wie so oft, meinen Schwanz exakt parallel zur Kante der Hundedecke auszurichten. Ja – es stimmt: Jeder Tag hat seine eigene Plage.


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