STORY: Koch oder Kellner?

Theo, du glaubst es nicht, aber mein Leinenhalter meint schon seit ein paar Tagen, den Chef herauskehren zu müssen. “Ab sofort werden hier andere Saiten aufgezogen!”, brabbelte er mit aufgeblasenen Bäckchen. “Damit du endlich kapierst, wer Koch ist und wer Kellner.” Ist das nicht herrlich, Theo? Ich könnte mich wegschmeißen vor Lachen!

Das fängt schon morgens damit an, dass der Alte jetzt zuerst das Haus verlässt, bevor ich an der Leine brav hinterhertrotten darf. Mit dieser Maßnahme will er mir mein angeblich dominantes Verhalten austreiben. Dabei habe ich mich einfach nur gefreut, dass es endlich raus geht! Außerdem konnte ich so direkt prüfen, ob es regnet und mit dem dazu passenden Blick den Alten an den Regenschirm erinnern.

Sind wir unterwegs, folgt die nächste Lachnummer! Du weißt ja, dass der Alte überschaubar ist. Soll heißen, er ist nicht gerade hoch aufgeschossen, eher so ein Bonsai-Verschnitt. Er meint nun, diesen vermeintlichen Nachteil dadurch wettmachen zu können, dass er mit erhobenem Haupt und durchgedrücktem Rücken durch die Botanik schreitet. Nach seiner Theorie soll mir das zeigen, dass er als Chef alles im Blick hat und ich seiner Kraft und Stärke blind vertrauen kann. Wenn ich dagegen andere Leinenhalter sehe, Theo, ich bell’ dir: solche Schränke! Denen könnte ich mein erbärmliches Hundeleben anvertrauen, aber doch nicht diesem Kleingewächs, ich bitte dich!

Nach Hause zurückgekehrt erwartet mich ein mit exakt 120g Trockenfutter gefüllter Napf, der mit einem Esslöffel Hüttenkäse gepimpt wurde. Bisher konnte ich mich einfach darüber hermachen und kein Schwein interessierte es, ob ich den Napf in 40 oder 50 Sekunden leerte. Seit gestern aber meint der Alte (Stichwort: Chef!), mir den Napf nach gut zehn Sekunden wegziehen zu müssen, um ihn mir kurze Zeit später wieder vorsetzen zu können. Dabei grinst er diabolisch und murmelt irgendwas von “Wirst schon merken, wer hier das Sagen hat!”. Das sollte hund mal bei seinem Fressen machen, aber gut, Theo, wenn er meint, mit solchen überholten Erziehungsmethoden arbeiten zu müssen; ich habe Zeit und widme mich derweil dem Wassernapf oder meiner Körperpflege.

Du fragst dich jetzt sicher, woher der plötzliche Wandel kommt? Das kann ich dir bellen. Wir drehten dieser Tage eine unserer üblichen Runden, als wir auf ein uns bekanntes Frauchen samt Fellnase stießen. Nachdem wir gut 500m gemeinsamen Wegs gegangen waren, sagte die doch tatsächlich, ich wirkte etwas unsicher, was vielleicht damit zusammenhängen könnte, dass mein Alter nicht deutlich genug als Rudelführer auftritt. Und ihre fünfläufige Dumpfbacke (Pudel-Terrier-Mix oder so) grinste mich dabei an.

Das belle ich dir, Theo, wenn mir diese Fellnase das nächste Mal zwischen die Pfoten kommt, wird sie ihr erstes blaues Wunder erleben! Dann soll die Dumpfbacke mal sehen, wer Koch ist und wer Kellner!

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