STORY: Nacho tanzt seinen Namen

Warum versteht mich denn keiner?

Theo, du glaubst es nicht, aber es lässt mich oft verzweifeln, wie schlecht mich mein Rudel versteht. Da belle ich mir zum Beispiel jeden Tag die Seele aus dem Fell, wenn dieser Typ auf seinem gelben Rad ankommt, um uns den Kasten an der Haustür zuzumüllen. Und was macht mein Leinenhalter? Brüllt mich erst an, ich solle die Schnauze halten und holt dann einen Schlüssel, um den Kasten von seinem Unrat zu befreien.

Napf
Die Nudeln lassen sich kaum bändigen!

Doch was habe ich schon alles versucht, um mit meinem Rudel besser zu kommunizieren. Da muss ich nur an den Versuch mit der Buchstaben-Nudelsuppe denken, die mir der Alte neulich als Rest in den Napf gekippt hatte. Ich hatte schon alle Buchstaben für den Satz “Achtung! Hier spricht Nacho!” zusammen, aber es gelang mir mit meiner feuchten Zunge einfach nicht, die winzigen Buchstabennudeln in die richtige Reihenfolge zu bringen. Schließlich beendete der Alte mein Bemühen mit den Worten, dass man bzw. hund mit Essen nicht spielt. Entweder habe man bzw. hund Hunger oder nicht.

Ich sehe schon: Das “U” fehlt!

Ebenso wenig gelang der Versuch, mittels Russischem Brot, das auf einem Gebäckteller lag, ins Gespräch zu kommen. Zum einen fehlte für “Achtung” das “u”, zum anderen stellte sich das dunkle Gebäck als so schmackhaft heraus, dass ich meinte, auf jeden zweiten Buchstaben verzichten zu können. Dies gereichte aber der Lesbarkeit so zum Nachteil, dass ich alles auffraß, um jedes mögliche Missverständnis auszuschließen.

Kurze Zeit später erfuhr ich zufällig, dass die Tochter unserer Nachbarn als begnadete Waldorfschülerin ihren Namen tanzen kann und deshalb überlegte ich, ob dies nicht der ideale Weg wäre, um mit den Rudelmitgliedern in einen nonverbalen Kontakt zu treten. Als Hund magst du das vielleicht lächerlich finden, aber auch Tiere wie die Bienen verständigen sich durch Tanz. Also dachte ich, wenn ich erstmal das Alphabet beherrschte, ließe sich bestimmt die Tür in die Welt der Worte aufstoßen. So übte und übte ich wochenlang, bis es mir endlich gelang, in geschmeidigen Wendungen – unterstützt von eleganten Hüftschwüngen und flinken Hüpfern – den Satz “Achtung! Hier spricht Nacho!” aufs Parkett zu legen.

Dieser Affe tippt Shakespeares Werke?*

Als wenige Tage später die Nachbarstochter klingelte, um sich ein Paket Mehl auszuleihen, hatte ich endlich meinen  großen Auftritt. Ich tänzelte wiederholt in endlosen Schleifen durch die Diele, bis Linda plötzlich aufschrie: “Nacho beherrscht das Waldorf-ABC und versucht, mit uns in Kontakt zu treten!” Der Alte starrte sekundenlang erst Linda, dann mich an. Schließlich fing er sich wieder und entgegnete trocken: “Ein Affe, der unendlich lange auf einer Schreibmaschine herumtippt, schreibt auch irgendwann noch einmal Shakespeares Werke.”

Ich war wie vom Donner gerührt, Theo. Ich tanzte noch ein letztes ausdrucksstarkes “Leck mich!” und verzog mich für den Rest des Tages auf meine Hundedecke.

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