STORY: Neulich beim Italiener

Nacho
Da drin herrscht dicke Luft…

Theo, du glaubst es nicht, aber bei uns herrscht heute derart dicke Luft, dass ich mich kaum traue, mein verschwitztes Sommerfell zum Napf zu schleppen. Der Alte ist immer noch so was von sauer. Und das nur, weil ich den italienischen Kellner aufs Kreuz gelegt habe. Dabei war das gar nicht meine Absicht, sondern lediglich eine Verkettung unglücklicher – vielleicht auch frustrationsbedingter – Umstände, die ich in keiner Weise zu verantworten habe. Aber lass mich die unselige Geschichte von Anfang an erzählen.

Schild
Da läuft mir das Wasser im Maul zusammen

Es war schon fast Abend, als unser Rudelführer vorschlug, Italienisch essen zu gehen. Wir alle waren sofort hellauf begeistert, bis mir der Alte bedeutete, dass seine großzügige Einladung nur den Zweibeinern des Rudels gelte. Glücklicherweise genügte aber ein kurzer, trauriger Blick in Kombination mit einem treuherzigen Augenaufschlag meinerseits, um 3/4 des Rudels gegen ihn aufzubringen, und schon durfte ich mit. Auf dem Weg zum Italiener ging ich bereits gedanklich die Speisekarte durch und noch bevor wir dort angekommen waren, ließ mir die Vorstellung von einer saftigen Lasagne al forno das Wasser im Maul zusammenlaufen. Doch dieser Traum zerplatzte nur wenige Minuten später, als die Zweibeiner ihre umfangreiche Bestellung aufgegeben und der Kellner die Speisekarten wieder eingesammelt hatte. Das Einzige, was ich im Zusammenhang mit meinem Namen hörte, war die Frage nach einer Schale Leitungswasser (von wegen San Pellegrino Mineralwasser!).

Nacho
Toll hier unter dem Tisch 🙁

In dem Moment war mir klar, dass ich den Rest des Abends unter einem Tisch verbringen würde, dessen Platte sich unter der Last der für die Zweibeiner aufgetragenen Speisen und Getränke biegt. Schwer enttäuscht ließ ich mich mit einem lauten Seufzer nieder und tat das, was jeder Hund in dieser Situation zu tun pflegt: Er beschäftigt sich mit sich selbst. Erst zählte ich meine fünf Pfoten, dann die Beine unseres Tisches und versuchte, diese Summe mit der Summe aller Stuhlbeine zu multiplizieren. Nachdem ich endlich die Gesamtzahl (9!) ermittelt hatte (ich hörte, dass oben die Getränke serviert wurden), begann ich vor lauter Langeweile mit dem Wem-gehören-die-Schuhe-Spiel. Die Air Max Nike ließen sich nach kurzer Überlegung eindeutig dem Jung-Herrchen zuordnen, während die Zehensandalen ausschließlich Jung-Frauchens Füße zieren konnten. Danach kamen für Frauchen nur noch die eleganten Sportschuhe in Frage – und so verlässlich, wie die Sonne im Westen aufgeht, blieben für den selbst ernannten Rudelführer nur noch die ausgelatschten Treter übrig. (Oben wurde jetzt das Hauptgericht serviert.)

Ich war gerade intensiv damit beschäftigt, meinen Schwanz exakt parallel zur über mir schwebenden Tischkante auszurichten, als meine Augen unter dem Nachbartisch einen Leidensgenossen erblickten. Ein schwarzer Terrier-Mix döste dort mit halb geschlossenen Augen vor sich hin und eine vor ihm liegende Papierserviette hob und senkte sich im ruhigen Rhythmus seiner Atemzüge. Nun erblickte er mich auch und dankbar für diese Abwechslung pusteten wir uns auf dem Boden liegend gegenseitig die Serviette zu.

So wäre es sicher noch stundenlang weitergegangen, wäre nicht aus heiterem Himmel vom Nachbartisch etwas Fressbares auf den Boden gefallen. Wie von der Zecke gebissen, sprang ich auf, um mich mit einem Satz über das Stück Pizza herzumachen. Dabei spannte sich die Hundeleine, die mich bei Restaurantbesuchen stets an den Alten kettet, genau in dem Moment, als der äußerst engagierte Kellner mit zwei schwer beladenen Tellern zwischen den Tischen hindurcheilte. Es kam, wie es in solchen Momenten kommen muss: Er stolperte und die Pasta rutschte vom Teller auf den Boden. Sofort stürzte ich mich mit leerem Magen und blutunterlaufenen Augen auf die unerwartete Köstlichkeit und riss dabei fast noch meinen Leinenhalter vom Stuhl. Nachdem sich die Lage wieder etwas entspannt hatte, entschuldigten sich die anderen Rudelmitglieder tausendfach beim Kellner, der aber trotz eines versprochenen üppigen Trinkgelds nur noch schnell die Rechnung fertig machen wollte.

Nacho
Der Heimweg verlief recht wortkarg

Der Heimweg verlief recht wortkarg. Sagte doch mal jemand etwas, war dies stets mit einer lautstarken Drohung gegen mich verbunden, während ich mir pausenlos meine zwei Synapsen zermarterte bei der Frage, ob der Kellner bei dem Unfall nicht von rechts kam und eigentlich hätte warten müssen?

Kommentare sind geschlossen.